Allgemein

Ist weniger wirklich mehr?

Minimalismus

Ein Essay von Josephine Achtert, 10d

„Weniger ist mehr“, ein Satz, der schon seit Jahrzehnten bekannt ist und heute wieder erstaunlich aktuell wird. Denn während unserer Kleiderschränke immer voller werden, stapeln sich in Schubladen und Regalen Dinge, deren Existenz wir längst vergessen haben. Auf Social Media wird gezeigt, wie man mit möglichst wenig Besitz bewusster und organisierter leben kann. Minimalismus wird dadurch zunehmend zu einem Trend, was in vielen den Wunsch nach weniger erwecket und dazu anregt, den eigenen Überkonsum zu hinterfragen. Was brauche ich wirklich und was nimmt nur Platz ein? Und macht mehr und eine größere Auswahl nicht eigentlich Glücklicher? Hält der Minimalismus ein, was er verspricht?

Minimalismus ist die Gegenbewegung zu einem Lifestyle, der Konsum als Grundlage hat. Er bezeichnet also grundsätzlich eine Lebensweise, bei der man sich auf das Wesentliche und Notwendige beschränkt und überflüssiges bewusst reduziert. Dabei geht es nicht unbedingt darum, möglichst wenig zu besitzen, sondern darum, bewusster zu leben und zu entscheiden, welche Dinge einen tatsächlichen Wert im eigenen Leben haben. 

1960 tauchte der Begriff „Minimalismus“ zum ersten Mal in der Kunst auf, er war eine Gegenbewegung zum abstrakten Expressionismus. Später löste er die bunten, gemusterten Stile der 1980er ab, vor allem in der Inneneinrichtung wurde der minimalistische Stil zum Trend. Der richtige Auslöser entstand 2008 als moderner Lebensstil im Alltag, damals startete der US-Amerikaner David Michael Bruno die „100 Thing Challenge“, in deren Fokus stand, seinen Besitz drastisch zu verringern. 

Schon im Jahre 1936 tauchte der Begriff „Voluntary Simplicity“ auf, quasi der Vorgänger des heutigen Minimalismus. Beide Bezeichnungen sagen im Kern das Gleiche aus, jedoch haben sie unterschiedliche Hintergrundgedanken. Beim Voluntary Simplicity stehen vor allem Dinge wie Selbstversorgung, Work-Life-Balance und Engagement in der Gesellschaft im Vordergrund, währenddessen der Minimalismus eher die sparsame Gestaltung und den ästhetischen Gedanken vertritt. Jede Art des bewussteren Konsums kann also Unterschiedliches bezwecken. Ein weiteres Beispiel ist der Öko-Minimalismus, der den Hintergrundgedanken vertritt, die Umwelt zu schonen. Doch eine Sache haben all diese Lebensstile gemeinsam: Sie sollen das persönliche Wohlbefinden steigern, etwa durch mehr Autonomie, also durch Freiheit und Eigenbestimmung. Außerdem sollen sie mehr Kompetenz bieten und somit ein gesteigertes Gefühl von Kontrolle über das eigene Umfeld vermitteln, was die Folge haben kann, weniger Stress zu empfinden. Auch mehr Mental Space soll garantiert sein, was mehr Platz für Gedanken und Gefühle schaffen kann und uns dadurch mehr Energie geben soll.

Der minimalistische Lebensstil scheint also viele Vorteile mit sich zu bringen, so wie er uns verkauft wird. Doch kann er wirklich das Leben von jedem verbessern? Eine Studie aus dem Jahr 2024 von der Bayes Business School hat gezeigt, das dem nicht unbedingt so ist. Minimalismus kann in unterschiedlichen sozialen Schichten unterschiedlich wahrgenommen werden. Die Oberschicht erlebt den Luxus des bewussten Verzichts, denn wer sich leisten könnte alles zu haben, aber sich dagegen entscheidet zeigt Stärke und Kontrolle. Hierbei dominiert häufig die Qualität vor der Quantität, außerdem wird ein klares Statement gegen Überkonsum gesetzt. In dieser Gruppe konnte also nachweislich bewiesen werden, dass der Minimalismus das Wohlbefinden steigen lässt.

Deutlich durchwachsener wird der Minimalismus in der Mittelschicht wahrgenommen, denn ein geringeres Einkommen vermittelt häufig den gegenteiligen Effekt von Wohlbefinden, wenn man einem minimalistischen Lebensstil folgen möchte, vor allem wenn man in der Vergangenheit unfreiwilligen Verzicht erlebt hat, beispielsweise durch Verzicht auf etwas, weil man es sich nicht leisten konnte. Daher wird weniger oft nicht mit Freiheit, sondern mit Mangel assoziiert. Viel zu haben erzeugt das Gefühl von Sicherheit, so legen viele Familien beispielsweise Vorräte an, die in schweren Zeiten als Absicherung dienen können.

Die Studie hat außerdem getestet, wie ein Digitaler Minimalismus sich auf unser Leben auswirken kann, dabei wurden Menschen untersucht, die für einen bestimmten Zeitraum bloß die Kernfunktionen ihres Smartphones genutzt haben. Das Ergebnis hat eine signifikante Senkung des Cortisolspiegels gezeigt, unser digitaler Konsum beeinflusst also deutlich unser Stresslevel.

Aber ist weniger jetzt wirklich mehr? Eine eindeutige Antwort auf diese Frage gibt es nicht. Wie die Auseinandersetzung mit dem Minimalismus gezeigt hat, kann ein bewusster Umgang mit Besitz und Konsum das persönliche Wohlbefinden stärken, doch gleichzeitig trifft das nicht auf jeden und jede Lebenssituation gleichermaßen zu. Minimalismus muss nicht bedeuten, sich von möglichst vielen Dingen zu trennen oder nur noch das nötigste zu besitzen, viel mehr kann er als Anregung verstanden werden, den eigenen Konsum zu hinterfragen. Brauche ich das wirklich? Oder kaufe ich es nur, weil ich das Gefühl habe es besitzen zu müssen?

Weniger kann mehr sein, wenn es dabei hilft, sich auf das zu konzentrieren, was einem persönlich wichtig ist. Deswegen denke ich, dass die Antwort auf die Frage „Ist weniger wirklich mehr?“, nicht in der Menge der Dinge, die man besitzt, liegt, sondern viel mehr darin, wie bewusst man mit ihnen umgeht, in einer Welt, in der Überkonsum in vielen Teilen als selbstverständlich wahrgenommen wird.