Genial, verrückt oder irgendwie beides?
Der schmale Grad zwischen Genie und Wahnsinn
Ein Essay von Henriette Rösch, Klasse 11-2
„Genie und Wahnsinn liegen nah beieinander“ – das berühmte Sprichwort ist euch vermutlich bekannt. Doch was ist da eigentlich dran? Gibt es das Eine ohne das Andere, was genau ist ein Genie eigentlich – zählen die Schüler*innen der Begabtenförderung unserer Schule zum Beispiel schon dazu? Und wenn ja – sind die also alle verrückt?
Genie – was ist das eigentlich?
Wenn man nach der Definition des Begriffes im Internet sucht, findet man zwei Herkünfte. Im englischen Sprachraum stammt er vom lateinischen „Genius“ ab, also dem Namen eines Schutzgeistes der römischen Religion, und repräsentiert die Persönlichkeit eines Mannes.
Das deutsche Wort „Genie“ stammt aus dem französischen, wo er wiederum auf ingenium, also ein natürliches, angeborenes Talent zurückgeführt werden kann.
Wie dem auch sei – das Wort Genie, wie wir es kennen, lässt sich zusammenfassend wie folgt definieren: es beschreibt eine Person, die eine überragende schöpferische Geisteskraft besitzt und damit über eine außergewöhnliche Gabe verfügt.
Wichtig dabei ist, dass sich Genialität auf allen Gebieten zeigen kann: künstlerisch, wissenschaftlich, musikalisch, philosophisch und so weiter.
Gleichzeitig gibt aber auch so genannte „Universalgenies“, die in ungewöhnlich vielen verschiedenen Gebieten über diese genialen Fähigkeiten verfügen. Bekannte Beispiele für solche Universalgenies sind zum Beispiel Leonardo da Vinci und Johann Wolfgang von Geothe.
Genies gibt es also, doch sind sie auch immer gleich verrückt?
Die einfache Antwort darauf ist – nein. Die richtigere – ein bisschen. Zuerst ein Mal gibt es eine Menge Beispiele für Menschen, die wir als Genie bezeichnen würden, die nachweislich an schweren psychischen Erkrankungen litten.
Um nur wenige zu nennen:
John Nash, ein brillanter Mathematiker, litt an einer schweren Schizophrenie.
Vincent van Gogh, der weltberühmte Maler, litt unter starken Depressionen, Angstzuständen und einer bipolaren Störung. In einer seiner psychischen Krisen schnitt er sich sogar das Ohr ab.
Ludwig van Beethoven, einer der größten Komponisten der Geschichte, kämpfte mit Isolation und Verfolgungswahn.
Virginia Woolf, eine bekannte Schriftstellerin, war von schweren Depressionen geplagt und nahm sich sogar das Leben.
Wichtig, wenn man sich all diese Beispiele vor Augen hält, ist aber natürlich zu beachten, dass es eine Menge Menschen gibt, die Genies sind oder waren, und nicht unter psychischen Erkrankungen litten. Das gilt natürlich auch andersherum – es gibt also sehr viele Menschen, die unter psychischen Erkrankungen litten oder leiden und keine Genies sind.
Dass man besonders erstere nicht so auf dem Schirm hat, kommt natürlich daher, dass diese Menschen ganz einfach nicht so bekannt sind. Oder man sie jedenfalls nicht sofort findet, wenn man zu dem Zusammenhang zwischen Genie und Wahnsinn recherchiert.
Okay, bisher haben wir also nicht viel, außer einigen, sehr bekannten, einflussreichen und vor allem genialen Menschen der Geschichte, die unter psychischen Erkrankungen litten. Es sind schon fast zu viele, um sie als Zufall oder Opfer ihrer Umstände abstempeln zu können. Doch ist da wirklich noch mehr dran, an dem schmalen Grad zwischen Genie und Wahnsinn? Tatsächlich: ja. Und zwar etwas Wissenschaftliches.
Zu erst einmal gibt es Studien, die belegen, dass sowohl Genialität als auch „Verrücktheit“, beide mit sogenanntem „überinklusivem Denken“ verbunden sind. Das bedeutet, dass Reize und Gedanken weniger gefiltert werden; und das kann zu genialen Eingebungen führen, aber eben auch zu psychischen Überlastungen.
Außerdem gibt es ein Gen, von dem bislang vor allem Bekannt war, dass es die Wahrscheinlichkeit für Psychosen erhöht. Und dann wurde von Forschern herausgefunden, dass dieses Gen auch die Kreativität beeinflusst.
So richtige Studien fehlen allerdings zu diesem Thema, schon allein deshalb, weil es sich schwer messen lässt, wer denn nun unter die Definition Genie fällt.
Und dann auch, weil besonders viele Genies der früheren Zeit schon lange gestorben sind. Was wiederrum auch daran liegt, dass viele Genies erst nach ihrem Ableben als solche erkannt werden.
Studien zu dem „überinklusiven Denken“ sind wissenschaftlich umstritten und nicht klar belegt, und solche zu dem Gen und seinem Zusammenhang zwischen Genie und Wahnsinn fehlen. – und viel mehr Anhaltspunkte, dass dieser Zusammenhang überhaupt existiert, gibt es gar nicht.
Aber woher kommt dann die Redewendung, und die allgemeine Annahme, da wäre eine Korrelation zwischen Genie und Wahnsinn, dann überhaupt?
Dafür gibt es in erster Linie zwei historische Gründe:
Ursprünglich geprägt wurde das geflügelte Wort von Aristoteles, also in der Antike. Er beobachtete als Erster, dass auffällig viele (damals ausschließlich) Männer, die außergewöhnliche Denker und Künstler waren, oft auch exzentrisch, melancholisch oder psychisch instabil waren.
Diese Beobachtung ist erst mal nicht falsch, das war, insbesondere zu seiner Zeit, tatsächlich so. Einzig, darin einen Kausalzusammenhang zu erkennen, ist, wissenschaftlich gesehen, nicht richtig.
Auch in der Romantik, also so im 19. Jahrhundert, hielt sich die Idee des verrückten und genialen Künstlers weiter. In dieser Zeit der Romantik wurde sie allerdings eher zu einer (Achtung: Wortspiel) romantisierten Vorstellung, und zu einem Beweis dafür, dass sich Genies über Konventionen hinwegsetzen, um die Wahrheit zu erkennen.
Um das dann noch ein Mal zusammenzufassen:
Als Genies werden Menschen bezeichnet, die mit ihrer Geisteskraft über eine außergewöhnliche Gabe verfügen. Historisch gesehen litten viele der Menschen, die wir heute als Genies bezeichnen, unter psychischen Erkrankungen, waren umgangssprachlich also „verrückt“.
Wissenschaftlich gesehen gibt es keinen konkreten Zusammenhang zwischen den beiden Phänomenen. Es gibt einzelne Anhaltspunkte, wie das „überinklusive Denken“, aber keine verlässlichen, wissenschaftlich anerkannten Studien.
Die Redewendung ist dennoch nicht völlig aus der Luft gegriffen, sondern beruht auf historischen Ereignissen, wie Aristoteles Schriften oder der Atmosphäre der Romantik.
Doch vielleicht ist die eigentliche Frage gar nicht, ob Genies verrückt sind. Viel spannender ist, warum wir außergewöhnliche Menschen so oft mit Wahnsinn verbinden. Brauchen wir diese Vorstellung, um besondere Leistungen erklären zu können?
Und übersehen wir dadurch die vielen kreativen und hochbegabten Menschen, die ein ganz normales Leben führen?
Wenn ihr das nächste Mal jemanden als „Genie“ bezeichnet oder die Redewendung „Genie und Wahnsinn liegen nah beieinander“ hört, fragt euch: Wie viel Wahrheit steckt wirklich dahinter – und wie viel ist nur ein hartnäckiger Mythos?
Diskutiert darüber mit euren Freundinnen und Freunden, euren Lehrkräften oder schreibt uns eure Meinung. Vielleicht finden wir die Antwort ja gemeinsam.



