Wie war’s in den Ferien?
Eine Frage, die wehtun kann
Ein Denkanstoß von Lukas Harper, 10d
Es ist jedes Jahr dasselbe Szenario. Auch wenn am Montag die Schule wieder startet, sehe ich es vor mir: Erste Stunde nach den Sommerferien, der Lehrkraft-Klassiker zum Warmwerden. „Und, wie waren eure Ferien? Wo wart ihr überall? In welchen Ländern?“
Was nett gemeint ist, um wieder anzukommen, löst bei vielen im Raum einen Klos im Hals aus. Während die einen auf Korfu, dann eine Woche in Finnland und mit den Großeltern danach noch campen in Westerland waren, bleibt anderen nur der Blick auf die Tischplatte. Weil sie sechs Wochen zu Hause verbracht haben. Weil ein Urlaub finanziell schlicht nicht drin war.
Hier zeigt sich die soziale Schere nicht erst in den Noten, sondern schon am ersten Tag im Stuhlkreis. Der Fokus auf Orte, Reisen und teure Freizeitparks vergleicht Budgets, nicht Erlebnisse. Wer wenig hat, fühlt sich schnell unwohl oder gar beschämt – als hätte man die Ferien „nicht richtig genutzt“.
Dabei geht es nach den Ferien doch eigentlich darum, wieder als Gemeinschaft zusammenzufinden. Und das schaffen wir nicht über Konsumstatistiken, sondern über echte Emotionen. Warum stellen wir nicht Fragen, die alle mitnehmen – ganz egal, wie groß das Portemonnaie der Eltern ist?
„Wann hattest du in den Ferien am meisten Spaß?“, „Wer war dein Lieblingsmensch in den letzten Wochen?“ oder „Was hat dich in den Ferien so richtig zum Lachen gebracht?“
Solche Fragen verlagern den Schwerpunkt. Sie nehmen den Druck raus, sich rechtfertigen zu müssen, und bringen eine ganz neue Dimension in den Klassenraum: Persönlichkeit statt Oberflächlichkeit.
Wir reden in der Schule ständig über Leistung, Noten und Fakten. Wenn wir aber zu Beginn des Schuljahres nach den Ferien fragen, sollten wir die Chance nutzen, die persönliche Ebene zu betreten. Denn am Ende zählt nicht, wie viele Kilometer wir gereist sind, sondern welche Momente uns im Gedächtnis bleiben.
Liebe Lehrkräfte, liebe Mitschüler: Lasst uns dieses Schuljahr nicht fragen, wo wir waren. Lasst uns fragen, wie es uns ging.


